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Ob in Muscheln, Bier oder Honig – winzige Plastikteilchen finden sich inzwischen überall. Die Erforschung der Risiken durch das Mikroplastik steht allerdings noch ganz am Anfang. Die ersten Ergebnisse sind erschreckend.

Angela Köhler: “Plastikteilchen, kleiner als fünf Millimeter, also auch noch mit dem bloßen Auge erkennbar, sind eigentlich überall zu finden, an unseren Stränden, in Wasserproben, in Sedimentproben, d.h. Bodenproben im Meer. Sie sind eigentlich ubiquitär verteilt.”

Angela Köhler, Professorin für Biowissenschaften und Umweltchemie am Alfred Wegener Institut in Bremerhaven befasst sich seit Jahren mit den Auswirkungen von Mikroplastik auf die Meereswelt. Problematisch sind vor allem die mit bloßem Auge nicht sichtbaren Plastikfragmente.

“Entdeckt, dass sie überhaupt vorhanden sind, hat man anhand von Planktonnetzfängen im Meer, das heißt meine Kollegen haben plötzlich im Mikroskop Teilchen gesehen, die weder Algen noch sonstige vertraute Teilchen oder Organismen waren und sind so auf die Spur von Mikroplastik gekommen.”

Der Grund für die Verbreitung von Mikroplastik ist die weltweit gestiegene Kunststoffproduktion. (picture alliance / dpa)

Es gibt inzwischen keinen Ort mehr auf der Welt, weder zulande noch im Wasser, an dem man nicht auf Mikroplastik, winzige, kaum mit dem Auge sichtbare Plastikfragmente stößt und das ist eindeutig ein Ergebnis der weltweit massiv angestiegenen Kunststoffproduktion.

Stefanie Werner: “Mitte der Fünfzigerjahre hatten wir eine globale Produktion von ungefähr 1, 5 Millionen Tonnen. Heutzutage sind wir bei ca. 280 Millionen Tonnen.”

Stefanie Werner ist im Umweltbundesamt verantwortlich für das Fachgebiet Meeresschutz und befasst sich seit einiger Zeit intensiv mit dem Bereich Mikroplastik.

“Ein Viertel davon wird in Europa produziert – mit Deutschland als der größten Exportnation – und diese Massen an Kunststoffen, die anfallen, gelangen natürlich, wenn sie nicht ordnungsgemäß entsorgt werden, potenziell auch in die Umwelt. Man geht davon aus, dass bis zu zehn Millionen Tonnen Kunststoffe jedes Jahr in die Meere eingetragen werden.”

Inzwischen hat man kilometergroße Abfallstrudel in allen Weltmeeren entdeckt. Sie bestehen vor allem aus Plastikmüll. Wellen und Wind zerschlagen und zerreiben dann die großen Teile. Die Kunststoffe zerfallen in immer kleinere Fragmente, die in der Wassersäule schweben, auf den Meeresboden sinken, verdriften und schließlich an allen Küsten der Welt angespült werden.

Gerd Liebezeit: “Ich habe selbst ein Messprogramm seit 2008 auf einer unbewohnten Insel in der Nähe von Juist. Knapp 70 Prozent ist Plastik und von diesen über 70 Prozent stammt noch mal ungefähr die Hälfte eindeutig nachweisbar aus der Fischerei.”

Gerd Liebezeit, Professor für Chemie und Biologe, seit seiner Emeritierung leitet er ein kleines privates Forschungsinstitut.

Jörg Liebezeit: “Das sind Netze, Netzbälle, solche Dinge. Man findet sehr viele Arbeitshandschuhe, Gummihandschuhe. Sie finden Arbeitsschuhe, Plastikfischkisten, Styroporkisten. Also ein Drittel des anfallenden Mülls ist eindeutig auf die Fischerei zurückzuführen.”

Bei ihrer Suche nach Mikroplastik entdecken die Wissenschaftler in den Strandsedimenten zudem zwei bis vier Millimeter große Kunststoffpellets. Die sehen aus wie kleine Stückchen von Strohhalmen und werden in Container für die Produktion von Kunststoff rund um die Welt verschifft und gehen dabei immer wieder einmal über Bord. Ein einziger Container enthält jedoch rund 50 Milliarden Stück.

Bleibt natürlich noch jener Plastikmüll, der illegal von den Schiffen über Bord entsorgt wird. Zudem gelangen gerade in Entwicklungsländern über die Flüsse riesige Mengen an zerfetzten Plastiktüten und Plastikflaschen in die Meere. Und auch Urlauber hinterlassen zum Beispiel am Mittelmeer oft und gerne Plastikabfälle.

Die Forscher nennen diese Kunststofffragmente sekundäres Mikroplastik, weil es aus Zerfall und Abbau entstanden ist. Als primäres Mikroplastik bezeichnen sie all jene Kunststoffteilchen, die direkt so klein produziert werden. Dazu gehören unter anderem winzige Kunststoffkügelchen, die Kosmetikprodukten wie Körper- oder Gesichtspeelings beigegeben werden. Volker Holle vom Qualitätsmanagement der Beiersdorf Aktiengesellschaft, eines der führenden deutschen Kosmetikunternehmen.

Volker Holle: “Diese Mikropartikel dienen der sanften Entfernung von toten Hautzellen und die schaffen dadurch einen angenehm spürbaren Reinigungseffekt und sie entfernen überschüssigen Talg und reduzieren damit den Hautglanz. Sie haben den Vorteil, dass sie besonders hautfreundlich sind, sie sind ja rund und sie sind vor allem auch nicht allergen, also für Allergiker geeignet.”

Kosmetika mit Plastikpartikeln

Dazu gehören um nur wenige aus einer Liste von über 200 Produkten zu nennen die Nivea Wasch-Peelings, von L’Oréal das Reinigungsgel Aufwach-Kick, von Adidas das Female Vitality Shower Gel, die Vichy Peelingcremes. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland hat im Internet eine zehnseitige enggedruckte Liste aller Produkte aufgeführt, die solche Plastikpartikel enthalten. Dort finden sich alle großen Namen der Kosmetikindustrie.

Nadja Ziebarth vom BUND: “Wir haben eigentlich in allen Sorten von Kosmetika Mikroplastik gefunden. Das ist Zahnpasta, Duschgels, Shampoos, aber auch in Make-up, Gesichtsreiniger, eigentlich alles, was wir so im Badezimmer finden können. Wir haben sicherlich nicht alle Unternehmen wirklich erfasst. Wir waren allerdings, als wir loslegten, ziemlich überrascht, welche Unternehmen das alles haben. Und die, die teilweise drauf stehen haben zum Teil Naturprodukte, auch dort haben wir Mikroplastik gefunden. Also leider ist, wenn da Naturprodukt draufsteht, nicht automatisch garantiert, dass da nicht auch Kunststoff drin ist.”

Man muss also wissen, wonach man schauen muss, dann findet man auch die entsprechenden Hinweise auf den Produkten. Kleingedruckt finden sich dort dann unter anderem Abkürzungen wie PE für Polyethylen oder PES für Polyester, PUR für Polyurethan oder ECa für Ethylen-Vinylacetat-Copolymere. Nur Fachleute werden sowohl diese Abkürzungen als auch die dahinter stehenden Kunststoffe kennen.

Nadja Ziebarth: “Es gibt eine Verpflichtung, dass auf der Verpackung draufsteht, was im Produkt drin ist, aber gerade bei diesen Produkten sind da sehr viele chemische Begriffe, die meistens nicht verständlich sind. Also auch ich verstehe die nicht alle als Biologin, die sind halt nicht bekannt. Man weiß gar nicht, was sich dahinter verbirgt.”

Gesundheitsschädlich ist keines dieser Produkte, denn sie brauchen eine EU-weite Zulassung. In einer Kosmetikverordnung ist geregelt, welche Stoffe in welcher Konzentration erlaubt oder verboten sind. Mikroplastik gehört dabei nicht zu den Stoffen, die extra getestet und geprüft werden müssen. Allerdings gilt auch für sie der Grundsatz, dass nur solche Kosmetika auf den Markt gebracht werden dürfen, die bei normaler oder vernünftiger Verwendung für die menschliche Gesundheit sicher sind. Von den Auswirkungen auf die Umwelt ist nirgendwo die Rede. Dabei geht es immerhin um einige hundert Tonnen Mikroplastikkügelchen, die jedes Jahr im häuslichen Abwasser landen.

Roland Esser: “Nach unseren Ermittlungen ist die Einsatzmenge von Mikropartikeln aus Kunststoff in Duschgelen und Flüssigseifen in etwa im Bereich von 150 Tonnen pro Jahr, mit Seifen, waschaktiven Substanzen zur Körperpflege bei ungefähr 177 Tonnen pro Jahr und dazu gibt es noch weitere Anwendungen bei den Hautpflegemitteln, in Zahnprodukten und anderen Körperpflegeartikeln, so dass wir insgesamt auf eine Menge von 500 Tonnen pro Jahr kommen.”

Roland Esser, der im Auftrag des Umweltbundesamtes untersucht hat, welche Mengen an Kosmetikmikroplastik überhaupt in Deutschland eingesetzt werden, weiß, dass zumindest ein Teil dieser Kunststoffpartikel in der Umwelt landet.

“Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass 70-90 Prozent dieser Mikropartikel in den Kläranlagen herausgefiltert werden können. Es gibt derzeit einen Artikel dazu, der eine Kläranlage in Sankt Petersburg untersucht hat. Die Kollegen haben festgestellt, dass über 90 Prozent der Mikropartikel aus der Kläranlage in Sankt Petersburg zurückgehalten werden konnten. Das ist eine riesengroße Menge, aber wir müssen jetzt auch davon ausgehen, dass das keine repräsentative Studie ist, d.h. es ist ein Einzelfall.”

Selbst wenn 90 Prozent der Mikropartikel zurückgehalten werden, gelangen immer noch gut 50 Tonnen über die Kläranlagen in die Flüsse. Hinzukommen noch jene Mikroplastikteilchen, die in Reinigungsmitteln die für die gewerbliche Bodenpflege sowie für die Säuberung von Industriemaschinen eingesetzt werden. Mikroplastikpartikel verflüssigen Autolack oder finden sich in Schuhcreme. Hinzukommt der Autoreifenabrieb. Einige zehntausend Tonnen synthetischen Kautschuks für Reifen bleiben jedes Jahr als Abrieb auf den Straßen. Pharmazieunternehmen nutzen die Eigenschaft der Mikropartikel, Stoffe zu binden, um Arzneimittel zeitverzögert an den Körper abzugeben. Die Plastikteilchen werden dann später ausgeschieden.

Bleibt noch die Kleidung zu erwähnen, insbesondere die beliebten Fleecestoffe, so Gerd Liebezeit:
“Wenn Sie ein Kleidungsstück waschen, egal ob das aus einem synthetischen Stoff Polyethylen, Polyacryl oder Polyester oder aus Baumwolle, Seide, in jedem Fall werden also Fasern abgerieben. Die gelangen über die Kanalisation in die Kläranlagen und sowohl die Teilchen aus Kosmetika als auch diese Fasern werden in den Kläranlagen nicht vollständig zurückgehalten, also ein Teil gelangt mit dem geklärten Abwasser dann auch in die Umwelt.”

Keine Stellungnahme der Bundesregierung

Auch diese Fasern werden als Mikroplastik bezeichnet. Sie rutschen aber nicht nur durch die Kläranlagen und landen in Bächen und Flüssen. Das Mikroplastik, das im Klärschlamm verbleibt, gelangt teilweise auch in die Umwelt. 40 Prozent des Klärschlamms werden in Deutschland auf den Feldern ausgebracht. Trocknet der Boden, nimmt der Wind die leichten Fasern und Mikropartikel aus Kosmetika und Kleidung mit und verteilt sie weitflächig. Dasselbe gilt für das Trocknen von Wäsche an der Luft. Winzige Fasern werden vom Wind verweht.

Gerd Liebezeit: “Wenn der Wind nachlässt, lagern sie sich auf allen möglichen Oberflächen auch ab. So, und also was jetzt passiert, die lagern sich natürlich auch in Blüten ab. Blüten haben einen Stoff, der nennt sich Pollenkitt, das ist also ein Klebstoff, mit dem die Blüten normalerweise die Pollen an dem bestäubenden Insekten festkleben und da haften jetzt natürlich auch die Mikroplastikpartikel dran und werden also mit den Pollen zusammen in den Bienenstock gebracht und gelangen also auf diese Weise in den Honig.”

Inzwischen lassen sich nicht nur im Honig Plastikpartikel nachweisen, sondern auch im Bier. Niemand weiß bislang, wo sonst noch Kunststofffasern oder andere Mikroplastikpartikel zu finden sind und ob sie möglicherweise wie Feinstaub gesundheitsgefährdend sind, falls sie eingeatmet werden. Solange sie in Kosmetika gebunden sind, besteht diese Gefahr nicht. Es fehlt aber an Forschung.

Gerd Liebezeit: “Die Bundesanstalt für Risikobewertung hat bei einer Veranstaltung in Berlin sehr deutlich gesagt, dass man das noch für zu früh hält, um irgendwelche Abschätzungen abzugeben über die mögliche Gesundheitsgefährdung. Nun ist das ein bisschen ein verqueres Argument. Wenn man keinem das Geld gibt, die Gesundheitsgefährdung abzuschätzen, dann kann man natürlich auch keine Aussagen darüber machen, ob es gesundheitsgefährdend ist. Statt zu sagen, ich gebe jetzt mal ein paar 1.000 Euro aus, das ist wirklich nicht viel, lass diese Partikel in der Luft sammeln und gucke mir an, wie die Schadstoffbelastung ist, dann kann ich was dazu sagen, ob das gefährlich ist oder nicht. Das finde ich also von der Politik her einfach ein falsches Verhalten.”

Bis heute gibt es keinerlei Stellungnahme der Bundesanstalt für Risikobewertung zur Mikroplastik. Das ist umso erstaunlicher, als Untersuchungen zeigen, dass sich die Partikel inzwischen auch in Flüssen und Seen nachweisen lassen. Dort mischen sie sich dann mit dem sogenannten sekundären Mikroplastik.

Christian Laforsch: “Unsere erste Studie war eine Studie am Gardasee. Dort haben wir Sedimente von verschiedenen Strandabschnitten untersucht und waren relativ überrascht, dass wir dort Mikroplastikpartikel in einer Menge gefunden hat, wie man sie normalerweise an Stränden von mittelbelasteten Meeresstränden findet, das heißt, dass wir bis zu 1.000, teilweise über 1.000 Mikroplastikpartikel pro Quadratmeter Strand gefunden haben.”

Christian Laforsch, Professor für Tierökologie an der Universität Bayreuth.

“In der Donau findet man sehr viel an Mikroplastik. Das ist eine Studie aus Österreich von Lechner et al. Andere Studien zeigen, dass es in den Great Lakes in Kanada und den USA sehr viel Mikroplastik gibt, ähnliche Werte, wie auch wir gefunden haben und weitere Studien zeigen, dass auch in den Flüssen Mikroplastik vorkommt, also wie in der Donau gibt es mittlerweile auch einige Studien die auch Mikroplastik beispielsweise in der Seine in Frankreich und dort hat man untersucht, dass auch Fische Mikroplastik in ihrem Verdauungstrakt haben.”

Um zu erforschen, wie Pflanzen oder Wasserorganismen auf Mikroplastik reagieren, nehmen Wissenschaftler Wasserpflanzen und Muscheln als Testobjekte.

Austern sind besonders belastet

In einem kleinen fensterlosen Raum im 9. Stock des Instituts für Ökologie der TU Berlin stehen auf einem Labortisch zwanzig schlichte Glasbecher mit einem einfachen Glasdeckel. In ihnen steht Wasser und im Wasser ranken sich filigrane, grüne Pflanzen bis zur Wasseroberfläche. Sie sehen aus wie winzige Fichten mit zahlreichen kleinen Ästen. Es sind einzelne Individuen des Tausendblatts, einer Süßwasserpflanze, die man in Seen und Flüssen findet. Sie streben dem hellen Licht zu, das Leuchtstoffröhren abgestrahlt wird, die über ihnen angebracht sind. Das künstliche Sonnenlicht versorgt sie mit Energie für die Photosynthese.

Stephan Pflugmacher: “Wir verwenden jetzt hier eben Makrophyten aus unseren Gewässern wie jetzt hier die Wasserpest oder das Myriophyllum, also das Tausendblatt, um zu sehen, wie reagieren die, wenn dieses Plastikpartikel sich auf der Oberfläche an-lagern. Wir messen verschiedene physiologische Daten, d.h. das ist wie beim Arzt, dass wir im Prinzip bestimmte Parameter abgreifen, um Gesundheit der Pflanzen uns anzugucken und das ist bei einer Pflanze klar der Chlorophyll-Gehalt. Ist sie schön grün, ist alles gut, wird sie leicht gelb, wissen wir von der Fensterbank her, dann müssen wir was tun. Das ist hier im Labor nicht anders.”

Stephan Pflugmacher, Professor für Ökologische Wirkungsforschung und Ökotoxikologie an der TU Berlin

“Wir messen Chlorophyll, Carotinoide, etc. Dann haben wir bestimmte andere Parameter, wo wir entscheiden können, geht es der Pflanze gut, geht es der Pflanze nicht gut und das ist beispielsweise oxidativer Stress, das sind Enzyme, die eben hier Sauerstoffradikale abbauen, die dann entstehen können, wenn beispielsweise sich so Mikroplastik auf die Oberfläche ablagert. Dann wehrt sich die Pflanze dagegen.”

Noch zeigen die Versuchspflanzen ein sattes Grün.

“Das kann sich mit der Zeit ändern. Vor allen Dingen müssen Sie überlegen, wenn sich Mikroplastik außen an der Pflanze anlagert, dann ist das wie ein Sonnenschirmchen und dieses Sonnenschirmchen nimmt der Pflanze dann Sonnenlicht weg: kein Licht, keine Photosynthese, keine Photosynthese keine Energie.”

Bei vorherigen Versuchen wurden die Blätter in Verlauf des Versuchs gelb, das heißt, es ging dem Tausendblatt mit dem Mikroplastikbelag gar nicht gut. Krankt aber die Pflanze, kann das erhebliche Auswirkungen auf das Ökosystem haben.

“Für das gesamte Ökosystem heißt das erst einmal, dass möglicherweise eben bestimmte Pflanzen reduziert werden, d.h. nicht nur für die Tiere, die Pflanzen fressen, ist dann die Nahrungsgrundlage nicht mehr dar, sondern eben auch für die, die die Pflanzen als zum Beispiel Habitat, als Schutz nehmen, kleine Fische, Fischeier, Molcheier, Molchlarven, Kaulquappen, was auch immer, die sich eben im Ökosystem in so einem Pflanzengürtel verstecken. Wenn die Pflanzen nicht mehr da wären, dann sind die natürlich schutzlos. Und dann haben wir größere Effekt auf das Ökosystem, die wir im Moment nicht abschätzen können.”

Ähnlich sieht die Situation auch in den anderen Laboratorien aus, denn allerorten werden die Versuche nicht im Freiland, sondern in Messbechern oder Aquarien durchgeführt. An der Universität Gent beobachtet Liesbeth van Cauwenberghe Kiemenringelwürmer sowie Miesmuscheln und Austern.

Lisbeth van Cauwenberghe: “Wir haben festgestellt, dass sowohl die Muscheln als auch die Kiemenringelwürmer Mikroplastik aufnehmen. Sie essen es, aber die Mehrheit dieses aufgenommene Mikroplastik wird wieder ausgeschieden. Einige Mikroplastikpartikel jedoch und zwar die kleinsten, die kleiner als 15 Mykrometer sind, sind so klein, dass sie die Magenwände dieser Organismen durchdringen können. Sie bleiben also nicht im Magen oder in den Eingeweiden, sondern sie wandern in das Zellgewebe der Organismen. Als wir unsere Experimente im Labor mit der Zufütterung von hohen Konzentrationen von Mikroplastik unternommen haben, haben wir einige kleinere Veränderungen im Metabolismus festgestellt, aber die waren nicht schwerwiegend genug, um den Organismus langfristig zu schädigen.”

Ähnliche Ergebnisse haben auch die Meeresbiologin Angela Köhler und ihre Mitarbeiterinnen vom AWI, dem Bremerhavener Alfred Wegener Institut beobachtet, als sie Muscheln in Aquarien mit winzigen Kunststoffpartikeln aus Polyethylen fütterten.

Angela Köhler: “Wir haben dann festgestellt, das bereits innerhalb von 12 Stunden diese Partikelchen sich anreichern im Magen und auch in den Leberephitelien und konnten dann auch sehen, dass diese Partikelchen in einem vakuoligen Apparat in der Zelle, den wir die Mülleimer der Zelle nennen, angereichert werden und von da aus dann aber auch wieder rausgeschmissen werden in das Umgebungsgewebe und das Interessante, was wir da gesehen haben, ist, dass diese entsorgten Plastikpartikelchen im Umgebungsgewebe ganz extreme Entzündungsreaktionen auslösen und es zu einer Bildung bindegewebigen Kapseln kommt, um diese Fremdkörper einzuschließen. Die pathologischen Phänomene, die erinnern uns auch sehr an das, was man im Menschen als die Anfänge der Asbestosis beschrieben findet.”

Diese unheilbare Krankheit, ausgelöst durch Asbestfasern, endet in den meisten Fällen tödlich. Da die Forscherinnen vom AWI bislang nur Kurzzeitexperimente durchgeführt haben, weiß niemand, ob sich nicht auch bei den Muscheln langfristig krebsähnliche Zellveränderungen ergeben werden. Es fehlt an Forschung.

Mikroplastik kann zur Geschlechtsumwandlung führen

Beunruhigend ist auch, dass Mikroplastik die fatale Eigenschaft hat, im Wasser schwebende Schadstoffe an sich zu binden. Dazu gehören zum Beispiel Pestizide aus der Landwirtschaft, Medikamentenrückstände, Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Chrom, Quecksilber, Nickel, Arsen oder Zink, Abrieb von bioziden Schiffsanstrichen. Zudem enthalten viele Kunststoffe selbst noch Zusätze, die Meeresorganismen durchaus schädigen können.

Gerd Liebezeit: “Eine Gruppe, die sehr problematisch ist, sind Weichmacher, also die Phtalate, von denen man weiß, dass die hormonell wirksam sind. Eine zweite Gruppe sind bromierte Flammschutzmittel, die ebenfalls hormonell wirksame Effekte haben können.”

Eine fatale Eigenschaft, so Gerd Liebezeit, weil sie zu Geschlechtsumwandlungen führen kann.

Phtalate und polychlorierte Biphenyle wirken zum Beispiel hemmend auf männliche Geschlechtshormone und können die Testosteronproduktion verringern, schädigen die Hodenfunktionen und können zu genitalen Missbildungen führen, die Zeugungsfähigkeit mindern. Das jedenfalls hat man bei bestimmten Alligatorenarten, Fischen, Fröschen oder Meeresschnecken beobachtet.

Gerd Liebezeit: “Also es gibt Stoffe, die antibakteriell wirksam sind im Plastik. Es gibt Stoffe, die als Lichtschutz gegen UV Belichtung dienen. Deswegen kann man Plastik auch in die Sonne legen, ohne dass es sofort zerbröselt oder gelb wird. Also da gibt es sehr, sehr viele Stoffe, die im Plastik drin sind und von denen wir nur zum Teil wissen, wie sie in der Umwelt wirken. Wir wissen also aus direkten Untersuchungen, dass ein Teil dieser Stoffe sehr negative Folgen hat, wir wissen aber nicht, wie im Zusammenspiel Plastik, Zusatzstoff, Umwelt wirken, als ob sie ausgelaugt werden oder ob sie fotochemisch zersetzt werden oder ob sie bakteriell zersetzt werden. Das ist also alles noch nicht bekannt.”

Nun landen die Mikroplastikpartikel ja nicht nur im Magen von Miesmuscheln und Austern, sondern durch sie auch im Magen von Menschen. Lisbeth von Cauwenberghe von der Universität Gent.

Lisbeth van Cauwenberghe: “Wir haben ausgerechnet, wenn man zwölf Austern isst, dann nimmt man etwa 100 Mikroplastikpartikel auf und dasselbe gilt für 250 Gramm Muschelfleisch. Auch da würde man 100 Mikroplastikpartikel mitessen. Das scheint nicht sehr viel, aber wenn man sich anschaut, was Europäer im Jahr an Schalentieren essen, dann schätzen wir, dass ein Topkonsument, der sehr viele Schalentiere isst, etwa 11.000 Mikroplastikpartikel pro Jahr aufnimmt. Das ist schockierend.”

Welche Auswirkungen die Aufnahme von Mikroplastik auf unsere Gesundheit haben könnte, weiß man aber nicht.

“Es hat bislang keinerlei Forschung darüber gegeben, was mit Mikroplastik passiert, das vom Menschen aufgenommen worden ist. Es gibt Hinweise darauf, dass es so wie bei den Miesmuscheln durch die Magenwände wandern, also in unser Blutkreislauf gelangen kann, aber die Forschung darüber ist noch sehr begrenzt und es ist sehr, sehr schwierig, Aussagen über irgendwelche toxischen Effekte beim Menschen zu treffen. Es ist in Ratten, Hunden und Hasen nachgewiesen worden, dass diese Prozesse bei kleinen Partikeln wie Mikroplastik durchaus funktioniert und zwar bei Partikeln unter fünf Mykrometer. Da ist durchaus ein Transport möglich, aber was die Auswirkung dieser Art von Transport sind, dazu gibt es keinerlei Forschung, soweit mir bekannt ist.”

Es gibt bislang auch noch sehr wenige Untersuchungen darüber, wie lange Plastik im Meer oder in den Sedimenten erhalten bleiben.

Gerd Liebezeit: “Also die Schätzungen gehen bis zu 1.000 Jahre und das ist einfach der Tatsache geschuldet, dass es auch da wieder zu wenige Untersuchungen gibt, unter welchen Bedingungen wie rasch dieser Zerfall vor sich geht. Es gibt mittlerweile einige neuere Untersuchungen von amerikanischen Kollegen, die zeigen, dass dieses Plastik eine sehr spezielle bakterielle Besiedlung hat und dass diese Bakterien also in der Lage sind, dass Polymer zu zersetzen und gleichzeitig hat man in dieser speziellen Bakterienpopulation nachgewiesen, dass die Gene haben, die Enzyme für den Kohlenwasserstoffabbau machen, d.h. die sind von ihrer genetischen Ausstattung in der Lage, Polyäthylen abzubauen.”

Bakterien, die PVC zerlegen

Das belgische Unternehmen Organic Waste Systems, sucht derzeit im Auftrag der EU und der Kunststoffindustrie nach Mikroorganismen, die in der Lage sind, Kunststoffe sozusagen zu verdauen und in ungefährliche Bestandteile zu zerlegen. Bruno de Wilde leitet als Chef der Abteilung für Bio-abbaubarkeit, Kompostierbarkeit und Ökotoxikologie die Laborforschungen:

“Wir versuchen Mikroorganismen zu isolieren, die in der Lage sind, konventionelle Polymere abzubauen. Ein Polymer ist eine ganz lange Kette von schmalen Elementen wie die Kettenglieder einer Fahrradkette und als erstes wird die Fahrradkette in kleinere Teile zerschnitten. Dann werden aus der langen Fahrradkette kleinere Fragmente, die immer kleiner werden und zu einem bestimmten Zeitpunkt werden diese kleineren Elemente in Alkohol und Säuren verwandelt, die dann von Mikroorganismen zu Kohlendioxid verdaut werden, wie das alle Organismen normalerweise mit Essensresten machen.”

Das gilt allerdings nur für abbaubare Kunststoffe. Beim übrigen Plastik ist das erheblich schwieriger. Hier hat man allerdings auch erste Bakterien, Pilze und Enzyme gefunden, die zumindest im Labor Kunststoff abbauen konnten. So hat man zum Beispiel elf Bakterientypen gefunden, die PVC zerlegen. Auch bei den sehr gebräuchlichen Kunststoffen wie Polypropylen, Polystyrol und Polyäthylen konnte man eine gewisse Abbaubarkeit feststellen.

Bruno de Wilde: “Die nächste Herausforderung besteht darin, die Ergebnisse unter realen Lebensbedingungen zu wiederholen, so dass dieser Abbau nicht nur ausschließlich im Labor stattfindet, wo diese Bakterien nur das Plastik als Futter bekommen. Sie müssen also dieses Plastik fressen oder sie verhungern, während es unter natürlichen Bedingungen noch ganz anderes Futter gibt. Werden sie auch dann das schwierigere Plastik fressen, wenn es noch anderes Futter gibt, an das sie leichter kommen? Und schließlich stellt sich noch die Frage, ob wir diesen Prozess beschleunigen können, so dass das Plastik schneller abgebaut werden kann. Sie sehen, es gibt noch eine Menge Arbeit, die erledigt werden muss.”

Die einfachste Lösung wäre natürlich, Plastik gar nicht erst in die Umwelt gelangen zu lassen. Doch das ist illusorisch. Was man hingegen tun kann, ist kein Plastik mehr in Deponien zu vergraben, sondern es zu recyceln oder, wenn das nicht mehr möglich ist, zu verbrennen.

Um die illegale Entsorgung von Plastikmüll auf hoher See einzuschränken, fordert zum Beispiel des Umweltbundesamt, überall die Müllentsorgung in die Hafengebühren mit einzupreisen. Fischernetze könnten markiert und die Abgabe alter Netze belohnt werden. Alle diese Maßnahmen nutzen natürlich nur etwas, wenn alle EU-Staaten dabei mitmachen, denn Plastikmüll kennt keine Ländergrenzen. Was im Meer landet, strandet an allen Küsten.

Grundsätzliches Problem bleibt bestehen

Ein Plastikanteil des Mülls lässt sich allerdings sehr einfach entfernen: die Mikroplastikpartikel aus Kosmetika. Seit der Umweltverband BUND seine Liste der Kosmetik mit Mikroplastikanteilen veröffentlicht und damit große Resonanz in den Medien gefunden hat, wollen mehrere Unternehmen zukünftig auf die Plastikzusätze verzichten. Man sucht jetzt nach umweltverträglichen Alternativen, so Volker Holle von der Firma Beiersdorf:

“Generell besteht die Möglichkeit, natürliche Materialien ein-zusetzen, zum Beispiel harte Fruchtschalen oder abbaubare synthetische Materialien, zum Beispiel bestimmte Wachse. Also, das Material muss natürlich in erster Linie hautverträglich sein und natürlich auch abbaubar sein und es ist ganz wichtig, dass es nicht allergen ist, auch Allergiker dieses Material verwenden können.”

Die Bundesregierung strebt eine freiwillige Vereinbarung der Hersteller an, auf Mikroplastik zu verzichten. Dem Mikroplastikexperten Roland Essel reicht eine solche Absichtserklärung nicht.

Roland Essel: “Diese freiwilligen Selbstverpflichtungen können ja jederzeit zurückgenommen werden und die gelten nur für bestimmte Unternehmen. Das haben sich noch nicht alle Unternehmen daran gebunden. Wir würden auf jeden Fall fordern, dass diese Mikropartikel in kosmetischen Produkten verboten werden und zwar aus dem einfachen Grund, dass es sinnvolle, leicht einzusetzende Naturmaterialien und Alternativen gibt wie Biokunststoffe, die eventuell dann auch im Meer abbaubar sind.”

Man sollte sich allerdings keine Illusionen machen. Selbst wenn die Mikroplastikteilchen aus Kosmetika aus dem Abwasser verschwinden, bleibt das grundsätzliche Problem weiterhin bestehen.

Stephan Pflugmacher: “Wenn wir uns den marinen Bereich anschauen, dann geht das dort, denke ich mal, schon in Richtung Desaster. Es geht ja vom kleinen Organismus, der es einfiltriert, weil er nicht anders kann, dann bis hin zu den Fischen, die wir dann auch irgendwann essen wollen und ich weiß nicht, ob wir so erfreut darüber sind, wenn halt so viel Plastik mit dabei ist, denke ich, müssen wir ein bisschen vorsichtig sein.”

Medizinskandal Alterung
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Quelle : http://mutternatur.net


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